Dienstag, 10. April 2007

Wo sich die Welt langsamer dreht

Lunch – so nennt man es, wenn in Frankfurt die Menschen auf die Strasse strömen, um in verschiedensten Restaurants, Imbissen oder auch hausinternen Kantinen mittagzuessen. Lunch, dass klingt international und man fühlt sich in Frankfurt, zwischen den ganzen verspiegelten Bürotürmen gleich noch ein bisschen zugehöriger zur internationalen Finanzelite (was ist das eigentlich?).

Doch neuerdings ist mir erlaubt dort zu essen, wo die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Dort, im ehemaligen Gebäude der Reichsbank, dort heißt es nicht einmal Kantine – nein – wir betreten ehrfürchtig das Kasino. Und sogleich packt einen der Charme dieses entnazifizierten 30er Jahre Baus mit seinem braunen Laminatboden, dem unterschwelligen Geruch nach Bratensoße à la Maggi Fix Soßenbinder (Stichwort: „die klassische Mehlschwitze“) und, genau wie dieser Klassiker der deutschen Werbung, so erinnern auch die grauen Tabletts und die braunen Stühle an eine Zeit, da es noch kein Gammelfleisch gab, die Vogelgrippe nicht durch den deutschen Medienwald irrte und ein Auto mit Katalysator bewundernde Gesichter bei Autokennern verursachte. (Der Rest wußte ja nicht was das war – ein Katalysator). Handys gab es noch nicht und der Computer hieß noch Rechner.

Dieser Charme vom Kasino der Verwaltung einer deutschen Institution hat eine bezaubernde Wirkung. Sitzt man dort vor seinem Tablett mit dem Hühnchen Cordon bleu und betrachtet die gemächlich vor sich hinkauenden Verwaltungsbeamten, dann spürt man förmlich, wie sich die Welt langsamer dreht.

Warum also weit weg fliegen, um für teures Geld, die Klimakatastrophe fördernd (also neuerdings auch noch mit schlechtem Gewissen) an exotische Orte globetrotteln: „Hier kann ich mal richtig abschalten, kein Handy, kein Computer“ (€1500,-p.P.)

Viel lieber Reise ich für eine Stunde in die Vergangenheit. Für €4,90 bekommt man ein gutes deutsches Mittagessen und das ist in der Frankfurter „Lunch-Szene“ allemal so exotisch und erholsam, wie ein Trip zu den entferntesten Plätze dieser Welt.

Montag, 2. April 2007

Asiatisch asiatisch vs. deutsch asiatisch


Ich dachte immer, ich mag asiatisches Essen. Hierzulande in Düsseldorf freue ich mich beispielsweise regelmäßig über die Nr. E67 von Prickynoo (für Nicht-Eingeweihte: ist eine knusprige Ente mit allerlei Drumherum und einer leckeren Kokos-Currysauce, also kein – wie man vermuten könnte- Pflanzengift). Dieses Gericht zieren auf der Düsseldorfer Speisekarte bereits 3 Chilischoten als Warnung für empfindliche deutsche Mägen. 3 Schoten sind hier schon Highscore. Ich würde mich als Schärfeweichei bezeichnen, muss immer gleich weinen. Für Mägen wie mich wurden diese lustigen Warnicons überhaupt erst eingeführt. Trotzdem esse ich bei knurrendem Magen auch die besagte 3-Schoten-E67er-Ente mit Genuss.

Dann reiste ich letzten Herbst nach Asien. Meine Vorfreude auf die tolle asiatische Küche war bald verflogen und wich schon in Bangkok beginnend einer unfreiwilligen Kur. Ich bestellte von Anfang am immer „not spicey“, in der Steigerung „really not not not spicey, pleeeaaase“ (flehender Blick einer Ausgehungerten eingeschlossen). Was ich bekam war trotzdem für mich selten essbar, da viel zu scharf. Und das lag sicher nicht daran, dass mein Englisch von Thai-Kellnern nicht verstanden wurde. Grund ist die international nicht standardisierte Schärfeskala. Soll heißen: Für Gerichte, die in Düsseldorf ehrfürchtig mit 3 Schoten ausgezeichnet werden, hat man in Bangkok nur ein müdes Lächeln übrig. Oder anders herum: Für Gerichte, die in Bangkok keine Schote wert sind (ja, auch dort wird in touristisch besuchten Restaurants bereits mit Schotensymbolik gearbeitet), würden hier schon mal 6-8 verteilt.
Buddha sei Dank durfte ich mich nach der thailändischen Radikalkur in Vietnam und Kambodscha erholen, d.h. einfach auch mal satt essen. Schotentechnisch sind diese Länder aus thailändischer Sicht Weicheier wie wir.

Nun. Sonst sollte man noch wissen, dass Teller selten gespült werden, höchstens in der Rinnsteinwanne mal kurz ausgeschwenkt, dass man selten das bekommt, was man bestellt und dass man trotzdem nie sein Lächeln verlieren sollte. Wer sich in Geduld üben möchte, reise bitte nach Asien. Dass man nie bekommt, was man bestellt, liegt ebenfalls nicht an Sprachbarrieren, sondern am Kurzzeitgedächtnis von Asiaten im Allgemeinen und Vietnamesen im Besonderen. Ich schwöre, die Bestellung einer Cola schafft es selten bis zum Tresen, außer dieser ist binnen 3 Sekunden für den vietnamesischen Kellner erreichbar. Sagenhaft.

Als ich wieder in Deutschland war, bin ich dann mal schön mit Freunden asiatisch essen gegangen. Mit sauberen Tellern, tollem, für mich essbaren Curry und satter Zufriedenheit danach. Während dieses Essens habe ich dann allen von den Schoten erzählt, die ich auf meiner Reise erlebt habe. Kulinarisch wie auch sonst.

Also, falls mich einer fragt: Ja, ich komme in der Mittagspause gerne mit asiatisch essen. Deutsch asiatisch.